Entdeckungen XX

Entdeckungen XX, 26.-27. Oktober 2018, Halle, Stadtmuseum Halle
Der Eintritt ist kostenlos

Kurator: Prof. Dr. Matthias Henke (Universität Siegen)

„Weimar“ — Im Vorhof des Exils

Kurt Weill Studium Generale XX

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des Kurt Weill Zentrums.

Wie in den letzten Jahren so verstehen sich die ENTDECKUNGEN 20, eingebunden in die Jüdischen Kulturtage in Halle, wieder als Brückenkopfveranstaltung zum folgenden KURT WEILL FEST. 2019 widmet es sich dem Thema „Mut zur Erneuerung“, einer Eigenschaft, die der aus Dessau stammende Komponist zeitlebens bewiesen hat.

Dass jüdische Persönlichkeiten den Aufbruch in die Moderne wesentlich mitgestalteten, wollen einmal mehr die ENTDECKUNGEN zeigen. So bieten die spannenden Portraits entsprechender KünstlerInnen. Der Eröffnungsvortrag, den der Brecht-Weill-Experte Joachim Lucchesi hält, widmet sich dem ebenso gefürchteten wie renommierten Theaterkritiker Alfred Kerr und dessen Verhältnis zur Musik. Im „Podium“ gedenkt Simon Gelhausen des in Halle geborenen Musikers Leo Schönbach, dem es gelang, sich im Shanghaier Exil eine neue Karriere aufzubauen – zur Freude seiner zahlreichen SchicksalsgefährtInnen. Anna Fortunova beleuchtet die Berliner Szene russisch-jüdischer Musiker, zu denen etwa Gregor Piatigorsky gehörte, der grandiose Cellist, während Reinke Schnwinning den Philosophen Ernst Bloch als Programmheft-Autor der fortschrittlichen Krolloper vorstellt, jeder Bühne, die den Nazis ein besonderer Dorn im Auge war. Zu den Kultstücken der Weimarer Zeit zählt zweifelsohne Erich Kästners 1929 erschienenes Buch „Emil und die Detektive“. Der Autor dieses neuartigen Kinderromans, den Michael Ritter vorstellt, hatte zwar keinen jüdischen Hintergrund, doch gehörte er zu jenen Autoren, deren Bücher 1933 verbrannt wurden. Neues aus dem Leben der Musikmäzenin Emmy Rubensohn, deren Vorfahren aus Halle kommen, berichtet Matthias Henke. Er stellt ihr kürzlich aufgefundenes Gästebuch vor, das sie in Kassel, Shanghai und New York führte und beispielsweise Einträge von Alma Mahler-Werfel oder Oskar Kokoschka enthält. Mit dem Vortrag von Ute Wegmann schließt sich der Kreis. Sie zeichnet ein von persönlichem Erleben geprägtes Porträt der Autorin und Illustratorin Judith Kerr, der Tochter von Alfred Kerr, die spätestens seit ihrem autobiografischem Werk „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ weithin bekannt ist.

Das Rahmenprogramm rundet die Vorträge harmonisch ab: Norbert Böhnke, Stadtmuseum Halle, blickt auf das Halle der 1920er Jahre und gibt so zu erkennen, dass die Moderne sich längst nicht allein auf Berlin beschränkte. Und mit Ute Wegmann, der Deutschlandfunk-Redakteurin und Schriftstellerin, enden die ENTDECKUNGEN 20: Sie liest aus Judith Kerrs aktueller Autobiografie, die gleich nach dem Erscheinen ein enormes Presseecho ausgelöst hat.

 

Die regelmäßigen Veranstaltungen werden von Prof. Matthias Henke mit seinen Kolleginnen und Kollegen so unterhaltsam und allgemeinverständlich umgesetzt, dass immer mehr Menschen immer mehr erfahren möchten — ob es sich nun um Musik, Architektur, Philosophie, Politik oder Literatur handelt.

Kurt Weill

wurde am 2. März 1900 in Dessau geboren und starb am 3. April 1950 in New York. Von den Nazis verfolgt, floh er von Berlin über Paris nach New York, und wurde von einem der erfolgreichsten Komponisten Deutschlands zu einem der erfolgreichsten Komponisten am legendären Broadway. Seinen großen künstlerischen Anspruch verband er stets mit dem Wunsch, ein großes Publikum zu erreichen.

Zu seinen bekanntesten Werken gehören u.a. „Die Dreigroschenoper“, „One Touch of Venus“ oder „Lady in the Dark“. Viele seiner Stücke sind inzwischen Teil des American Songbook und wurden von Louis Armstrong bis hin zu den Doors oder Robbie Williams gecovert.

 

Programm

Freitag 26. Oktober 2018

14.30 Uhr
Begrüßung: Jane Unger, Direktorin des Stadtmuseums Halle
Einführung: Prof. Dr. Matthias Henke (Universität Siegen), Cornelia Zimmermann (Stellvertretende Direktorin des Stadtmuseums Halle, Vorsitzende des Freundeskreises Leopold Zunz Zentrum e.V.)

14.45 Uhr
Eröffnungsvortrag, Joachim Lucchesi (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg): Schleuder und Harfe: Alfred Kerr und die Musik

16.00 Uhr
Podium junger Wissenschaftler*innen

Simon Gelhausen (Universität Siegen): König der Operette: Leo Schönbach, Halle, im Exil von Shanghai

Anna Fortunova (Universität Siegen; Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover): „Die Stiefmutter unter den Städten Russlands“: Exilierte russische Musiker im Berlin der Weimarer Republik

Reinke Schwinning (Universität Siegen): Nirgends brennen wir genauer: Ernst Bloch als Auor der Krolloper

Moderation: Reinke Schwinning (Universität Siegen)

18.00 Uhr
Norbert Böhnke (Stadtmuseum Halle)
Halle in den 1920er Jahren. Ein Blick in den neu eröffneten Teil der stadtgeschichtlichen Dauerausstellung

Samstag 27. Oktober 2018

10.30 Uhr
Vortrag Michael Ritter (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): Berliner Kinderdetektive. Erich Kästners „Emil“ (1929) und Andreas Steinhöfels „Rico“ (2008) im Dialog

11.30 Uhr
Vortrag Matthias Henke (Universität Siegen): Neues vom Emmy Rubensohn: aus dem Exil in Shanghai in die neue Heimat New York

15.00 Uhr
Vortrag Ute Wegmann (Deutschlandfunk Köln): „Ich bin glücklich, das hätte ich noch sagen sollen“ – Leben und Werk der Judith Kerr  

16.00 Uhr
Roundtable mit allen Referent*innen
„Weimar“ – Im Vorhof des Exils
Moderation: Matthias Henke

19.00 Uhr
Lesung Ute Wegmann (Deutschlandfunk Köln) liest aus der von ihr kürzlich übersetzten Autobiografie von Judith Kerr: Geschöpfe – mein Leben und Werk (Edition Memoria 2018)

 

Ort: Stadtmuseum Halle, Große Märkerstraße 10, 06108 Halle

Der Eintritt ist kostenlos. Ihre Spende ist willkommen.

 

Das KURT WEILL ZENTRUM informiert Sie gerne über das KURT WEILL STUDIUM GENERALE und die ENTDECKUNGEN XX.

Alle Informationen zum KURT WEILL FEST finden Sie unter www.kurt-weill-fest.de

 

DIE REFERENTEN

  • Prof. Dr. Matthias Henke, Musikwissenschaftler, seit 2008 Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft an der Universität Siegen. Wissenschaftlicher Beirat der Kurt-Weill-Gesellschaft Dessau und der Ernst Krenek Institut Privatstiftung Krems.
    Henkes Forschungsinteressen umfassen die Themenfelder „Musik und Literatur“, „Musik und Medien“ sowie die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Jüngste Veröffentlichung: Joseph Haydn – Die Sieben letzten Worte unseres Erlösers, Stuttgart 2017 (gemeinsam mit dem Theologen Hans-Ulrich Weidemann).
  • Norbert Böhnke, M.A., arbeitete nach dem Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte in Gießen, Manchester und Halle in der Erwachsenenbildung und gründete einen stadtgeschichtlichen Verein. Er war u.a. als Mitarbeiter eines MdL und einer Stadtratsfraktion in Halle (S.) tätig. Seit 2018 ist er als Sachbearbeiter für wissenschaftliche Kulturkonzeptionen im Stadtmuseum u.a. für die Erinnerungskultur verantwortlich.
  • Dr. Anna Fortunova, Studium der Musikwissenschaft in Nischni Nowgorod (Russland), Promotion. 2008–2009: Lecturer für Musikwissenschaft an der Universität Nischni Nowgorod. 2012 Stipendiatin der Musikhochschule Hannover (Marianne Steegmann Foundation), dann wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt Deutsch-russische Musikbegegnungen 1917–1933. Seit Juni 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr. Matthias Henke (Universität Siegen).
  • Simon Gelhausen, 1997 in Köln geboren, studiert seit 2016 Musik, Germanistik, Mathematik und Sonderpädagogik an der Universität Siegen. Dort arbeitete er auch (mit dem Schwerpunkt: Exil in Shanghai) an einem von Matthias Henke kuratierten Ausstellungsprojekt mit: „Wissen Sie noch wer ich bin?“ – Die Musikmäzenin Emmy Rubensohn. Diese Wanderausstellung konnte erstmals ein Lebensbild der deutschen Jüdin nachzeichnen.
  • Prof. Dr. Joachim Lucchesi, studierte Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Zahlreiche Aufsatz- und Buchveröffentlichungen zur Musik-, Theater- und Literaturgeschichte vor allem des 20.Jahrhunderts. Gast- und Vertretungsprofessuren in den USA, Japan und Deutschland sowie Wissenschaftlicher Beirats der Kurt-Weill-Gesellschaft Dessau. Derzeit Arbeit an einer mehrbändigen, DFG-geförderten Edition der Briefe Hermann Scherchens, die im Schott Verlag Mainz erscheinen wird.
  • Prof. Dr. Michael Ritter studierte das Lehramt an Grundschulen. 2007 promovierte er mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes mit einer Studie zum Aufsatzunterricht in der Grundschule. Nach seinem Referendariat lehrte und forschte er an den Universitäten Rostock und Bremen und als Juniorprofessor für Germanistische Literaturdidaktik an der Universität Bielefeld. Seit 2015 ist er Professor für Grundschuldidaktik Deutsch/Ästhethische Bildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
  • Dr. Reinke Schwinning, 1986 in Essen geboren, studierte Schulmusik und Philosophie. Im Jahr 2013 schloss er sein Studium mit dem Ersten Staatsexamen für Lehrämter an Gymnasien und Gesamtschulen ab. Seit 2014 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. Matthias Henke (Lehrstuhl für historische Musikwissenschaft, Universität Siegen), unter dessen Betreuung er 2017 seine Dissertationsschrift über die Musikphilosophie Ernst Blochs vorgelegt hat.
  • Ute Wegmann, ist Redakteurin im Deutschlandfunk (Büchermarkt), Autorin, Moderatorin, Filmemacherin und Veranstalterin eines Literaturprojektes. Sie realisierte mehrere Kinderkurzfilme, u.a. Die besten Beerdigungen der WeltSandalenwetter und Toni (Reihe Hanser) lauten zwei ihrer Romantitel. Sie übertrug u.a. den Grüffelo ins Kölsche und übersetzte die Autobiografie von Judith Kerr.

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